Altes Zeitalter

Das Gesicht eines Menschen erkennst du bei Licht, seinen Charakter im Dunkeln.sallyrisches Sprichwort

Die Raundarroch

In der leidgebeutelten Geschichte Caeruins flüstert man voller Ehrfurcht von der untergegangenen Zivilisation der Raundarroch. Sie wussten, wie sie die tückischen Himmelsbrücken befahren und zu anderen Welten reisen konnten, und sie teilten ihr Wissen mit niemandem. Sie besuchten zahllose Welten in ihren fliegenden Kathedralschiffen. Welten, die heute vergessen oder verschwunden sind, und Welten, die noch immer wie Sterne am nächtlichen Firmament glitzern oder leuchtend am Horizont aufragen. Die Raundarroch versklavten die Bewohner vieler Welten und brachten sie nach Maurarchor, wo sie ein jämmerliches Dasein im Dienste des maurarchischen Volks fristen mussten. Viele Welten fürchteten sich vor den majestätischen Himmelsschiffen, deren Erscheinen im Urkor nichts Gutes verhieß, und unterwarfen sich den Himmelsfahrern ergebungsvoll, oft bevor diese noch den ersten Schritt auf ihre Welt getan hatten. Sie waren das einzige Volk, das Beziehungen zwischen den Welten unterhielt, und ihre Macht war grenzenlos. Hatte eine Welt ein besonderes Wissen erlangt, erlangten die Raundarroch dieses Wissen über kurz oder lang ebenfalls. Sie horteten Schätze und Reichtümer, wie keine andere Welt sie auch nur ansatzweise hervorbrachte. Sie führten Inquisitionen durch und errichteten Stützpunkte. Ihr Handeln war von Herrschsucht geprägt, doch sie waren keine Barbaren. Sie lehrten die Bewohner fremder Welten ihre Sprache und brachten fortschrittliche Technologie und wertvolles Wissen zu ihnen. Natürlich behielten sie all das für sich, was ihre ungebrochene Macht im Himmelsgefüge hätte gefährden können; allem voran ihre Waffen- und Reisetechnologien. Sie erkauften sich damit das Recht, unzählige Sklaven zu rauben.

Die 70 Fürstenhäuser von Maurarchor, die einen gemeinsamen Rat bildeten und denen neben den politischen Geschäften von Maurarchor die Führung aller Welten oblag, brachten jeweils einen Archatfürsten pro Haus hervor. Ein Archatfürst befahl, das Fürstenhaus führte aus und das Volk befolgte. Ihre Macht war gottgleich, und einem von ihnen war das noch zu wenig. Er, der heute nur noch der Schattenfürst genannt wird, war berauscht von der Macht, die das Amt ihm bot. Und er gierte nach mehr. Er experimentierte mit der Kraft, die Magie genannt wird, und erlangte Macht über das Gefüge des Schattens. Er stieg zu einer höheren Daseinsform auf, die ihm ungeheure Macht verlieh und die den Menschen niemals hätte gewährt werden sollen. Sein Tun hatte das Intervenieren eines namenlosen Schöpferwesens zur Folge, das auf die Welt herab kam und ihm seine Macht entreissen wollte. Der Schattenfürst, der diesen feindseligen Eingriff vorhergesehen hatte, bediente sich der finsteren Schattenmagie, die er zu beherrschen glaubte, und schmetterte die göttliche Essenz des Schöpferwesens gegen den Berg Kandarach. Schwarze Rauchfäden durchzogen das Innere des zu Glas gewordenen Berges und versetzten die maurarchische Bevölkerung in Unbehagen. Doch es sollte sich zeigen, daß der Schattenfürst die Magie des Schattens nicht wirklich beherrschte. Wie ein Vulkan sprengte der Berg seine gläserne Hülle ab und gab die finsteren Schwaden an den Kontinent Maurarchor frei, der im Laufe weniger Tage der vollkommenen Finsternis anheim fiel. Der schwarze Nebel senkte sich über die Wälder und Ebenen, die Flüsse, Hügel und Täler und machte erst an der Küste halt. Wer der Finsternis nicht entkam, tristet sein Dasein noch heute im Schatten von Maurarchor, erzählt man sich. Und entkommen sind wahrlich nur wenige. Das Volk, das fremde Welten beherrschte und unsagbaren Reichtum anhäufte, war vom Antlitz des Himmelsgefüges verschwunden. Die wenigen Überlebenden, die zum Zeitpunkt der Finsterwerdung nicht auf Maurarchor weilten oder vorher fliehen konnten, fanden ihren Weg auf einen kleinen Kontinent, der im Westen Maurarchors gelegen hatte und Caeruin genannt wurde.

Caeruin war den Sklaven im Ruhestand vorbehalten. Bei unzähligen Millionen Sklaven, von denen nur wenige das hohe Alter erreichten, sind wenige eben doch genug, um gehört zu werden. Sie erhielten hier ein Stück Land und oft sogar ebenfalls ein paar Sklaven, die ihnen bei der Bebauung ihres Landes zur Hand gehen sollten. Meistens blieben diese Sklaven bei ihrem Herrn oder ihrer Herrin, die ihnen im Gegensatz zu den Raundarroch wohlgesonnen waren und nicht ihre völlige körperliche und geistige Ausbeutung beabsichtigten. Oft wurde ihnen gleich die Freiheit geschenkt. Caeruin wuchs und wurde zu einem völlig bunt gemischten Pfuhl verschiedenster Kulturen, Ansichten und Weltanschauungen, die ihren Ursprung auf den unterschiedlichsten Welten hatten.

Von den 70 Fürstenhäusern erreichten nur die Angehörigen von fünf Häusern in stattlicher Zahl das rettende Festland von Caeruin. Diese Häuser waren Haus Harador, Haus Gurlyshore, Haus Marnoroch, Haus Llargomor und Haus Orhamear. Als der Schock langsam abflaute und die Caeruiten sich an ihr unabhängiges Leben gewöhnten, versuchten die Häuser erneut, sich zu etablieren und die politische Macht an sich zu reißen. Das Land, das zuvor nur grob in vier Länder unterteilt war (Nord- und Südcaeruin, Taranalaar und das Tal der Mitte), wurde plötzlich von unzähligen Machtfaktoren für sich beansprucht. Die fünf Häuser schnitten sich den größten Teil vom Kuchen ab und teilten fast das gesamte nördliche und südliche Caeruin unter sich auf. Große Konzerne und Minengesellschaften, die nicht länger unter der maurarchischen Fuchtel standen, beanspruchten ebenso einen Platz an der Spitze für sich. Die ehemaligen Sklaven, deren feste Heimat Caeruin geworden war, hatten keine Möglichkeit, sich dem Einfluss der Häuser und Konzerne zu entziehen. Als einziger Archatfürst überlebte Heran Jolander aus dem Hause Harador. Er sah sein Überleben als bedeutendes Zeichen und empfand es nur als gerecht, wenn er zukünftig Caeruin alleine regieren würde. Sein Haus stand zwar hinter ihm, doch die anderen Häuser sahen ihre Position am politischen Himmel von Caeruin gefährdet und waren strikt gegen eine Monarchie, die von einem anderen Haus ausgehen sollte. Als der Konflikt zu schwelen begann und eine Beilegung nicht abzusehen war, trat Jahre später ein Jüngling aus Haus Gurlyshore an die Vertreter der anderen Häuser heran und legte seine Überzeugungen offen, daß der Konflikt nicht ausarten dürfe und das die Caeruiten sich in erster Linie bemühen müssten, Katastrophen wie die von Maurarchor zu verhindern. Ein Abkommen wurde getroffen und die Fronten beruhigten sich. Jegliche bedeutende Aufzeichnung, jede geheime Technologie und ungezählte Reichtümer, die aus Maurarchor vor der Finsterwerdung fortgeschafft werden konnten, wurden an einem heute unbekannten Ort zusammengetragen: den Bibliotheken der Raundarroch. Hier schworen sich die fünf Häuser, diesen Ort erst wieder aufzusuchen, wenn Caeruin von außerweltlichen Mächten bedroht wird. Jedes Haus erhielt einen Schlüssel, und nur mit allen fünf Schlüsseln ließen sich die Bibliotheken betreten. Zudem wurde das rangvordere Gesetz verabschiedet, das die Nutzung und den Gebrauch der Magie und das Studium arkaner Lehren unter Androhung drastischer Strafen verbot. Die Menschen begannen ein neues Zeitalter und zählten die Jahre beginnend mit der Finsterwerdung von Maurarchor.

Der erste Krieg im Jahre 214 nach der Finsterwerdung hatte große Verwüstungen zur Folge und war das Resultat des unterschwellig brodelnden Konfliktes, der sich seit Jahrhunderten abzeichnete und auf die großen Animositäten unter den verschiedenen Kulturen, Häusern und Konzernen zurückzuführen war. Der Krieg war nach acht Jahren vorbei. Doch das Antlitz von Caeruin hatte sich grundlegend gewandelt. Haus Marnoroch existierte nicht mehr. Einstmals blühende Metropolen, ihrer früheren Einwohnerzahl und ihrer glänzenden Wahrzeichen beraubt, verödeten zunehmend. Grenzen wurden neu gezogen. Die noch amtierenden Fürstenhäuser verloren beinahe ihre gesamte Führungsriege. Das Wissen um den Standort der geheimen Bibliotheken der Raundarroch ging verloren. Gruppen taten sich hervor, die allesamt unterschiedliche Ansichten vertraten. Manche strebten nach politischem Einfluss, andere wollten das rangvordere Gesetz gelockert oder ganz aufgehoben sehen. Die meisten aber strebten die Unabhängigkeit von den Häusern und Konzernen an, die horrende Steuern erhoben und die Nachfahren der ehemaligen Sklaven fürchterlich ausbeuteten. Verächtlich sprachen diese von der wiedererwachten Sklaverei, die mit der Finsterwerdung fürs erste beendet zu sein schien.

Ein Machtfaktor blieb jedoch unverändert. Das Tal der Mitte, das schon vor der Finsterwerdung als Umschlagplatz politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen fungierte, sollte auch weiterhin diese Macht innehaben. Hier herrschte kein Monarch einsam von seinem Thron aus über Caeruin. Hier kamen alle Machtinhaber und Repräsentanten der Häuser und Konzerne aus ganz Caeruin zusammen, in Frieden- wie in Kriegszeiten, um über wesentliche Anliegen zu debattieren. Hier wurden Gesetze gemacht, Grenzen gefestigt und schließlich auch Kriege beigelegt.

Mit den Kronverträgen von 222 wurde jeder Gruppe ein Stück Land zugesichert, dazu ein Sitz im Rat der Mitte und das Recht, eigenmächtig landesweit gültige Gesetze zu verabschieden. Caeruin spaltete sich auf in 30 Länder. Doch damit sollte das große Ränkeschmieden erst beginnen.