Länder

Ein Gesetz ist nur solange Gesetz, wie es Menschen gibt, die sich diesem beugen. Tyromäeus von Quiroquess, König über die Valanier

Die meisten Länder sind noch nicht vollständig ausgearbeitet. Daher stelle ich hier vorerst nur die Länder vor, die bereits ausgearbeitet sind.

Sullufal (Zulvarkil)

Wer Sullufal bereist, ist gut beraten, Geschichten mitzubringen. Das gesprochene Wort und der gesellschaftliche Aspekt des Miteinander-Kommunizierens ist den Sullufalinesen heilig und gilt als das höchste Gut in ihrem Land, dass es um jeden Preis zu schützen gilt. Bücher, beschriftetes Papier und überhaupt alles, was als Medium für die Kommunikation zwischen einem Sullufalinesen und einem Gegenstand genutzt werden kann, gilt als schmutzig und falsch und die Einfuhr solcher Dinge unterliegt strengen Auflagen. Das geschriebene Wort ist auf Sullufal sündhaft und jeder, der es liest, ist ein Frevler und durch und durch verdorben. Wer auf Sullufal beim Lesen erwischt wird, wird seiner Augen entmündigt. Wer beim Schreiben erwischt wird, verliert Hände und Zehen und manchmal sogar seine Vorderzähne. Geflüsterte Geschichten, Gedichte und Anekdoten sind auf Sullufal das anerkannte Zahlungsmittel. Goldmünzen sind erst seit kurzem verbreitet, doch wirklich zufrieden geben sich damit höchstens die ausweltlichen Investoren und Geschäftsleute, die ihren Aufenthalt auf Sullufal nicht länger als nötig planen, um mit einem Säckel voll Gold irgendwann die Heimreise anzutreten. Geprägte Münzen sollten vor einem Besuch auf Sullufal dringend blankgeschliffen werden, sonst droht die finanzielle Enteignung. Eigentlich geben sich die meisten Ausländer eher mit einem Haufen Gold als mit einer zusammengesponnenen Geschichte zufrieden. Aber das würde so natürlich niemand in der Öffentlichkeit zugeben. Die Augen und Ohren der Dichtergarde, der amtlichen Behörde für die Durchsetzung der gesetzlichen Währung und zuständig für das Aufspüren und Zerstören illegaler Schriften, sind überall. Sie setzt auch durch, daß kein Falschgeld in Umlauf kommt – was Gold ja nun mal ist. Die Ureinwohner von Sullufal haben natürlich längst begriffen, daß ihnen das Gold einmal einen großen Dienst erweisen wird, wenn sie in die Riege der himmelsreisenden Händler aufsteigen werden. Darum drückt die Dichtergarde bei sullufalinesischen Händlern schon mal ein Auge zu, wenn statt einer einfachen Geschichte mal eine Goldmünze über den Tisch oder darunter her wandert. Bei Ausweltlern gilt diese Nachsichtigkeit jedoch nicht und Verstöße werden hart geahndet.

Um eine Dienstleistung oder Ware in sullufalinesischer Währung zu bezahlen, sieht das Gesetz mehrere Währungseinheiten vor. Kleinig- und Nichtigkeiten werden mit einer Anekdote bezahlt, oder vielmehr beglichen. Werden auf anderen Welten Blumensträuße oder ringelgeschmatzte Purpfropfen* (*Eine nebulanische Pralinenart aus einem süßen Baumnektar – Exportartikel der Nebulaner Nr. 1) als Zeichen der Anerkennung oder der Freundschaft überreicht, flüstert man sich auf Sullufal liebevoll Anekdoten ins Ohr. Viele, die an bewährten Traditionen unbedingt festhalten wollen, melden jede Art von Symbol, das möglicherweise einen Buchstaben enthalten könnte oder gar bereits ein Wort darstellt, ohne Umschweife dem örtlichen Dissopaten. Der Dissopat ist ein hochgestellter Beamter aus der Dichtergarde, der des Lesens mächtig ist und Symbole und Bilder überprüft, die Schriften enthalten könnten und damit gegen das Gesetz verstoßen. Im entsprechenden Fall zerstört er sie oder macht sie unkenntlich. Ein Dissopat genießt kein hohes Ansehen in der Dichtergarde, obgleich er einen hohen Posten bekleidet. Die Familie eines Dissopaten wird von der Gesellschaft verschmäht, weshalb sich viele Dissopaten für ein Leben ohne Familie entscheiden.

Eine Steigerung stellen die einundneunzigtausendvierhundertundsechzig Passagen des Alumkadil dar, des verbrannten Buches und dem einzigen Schriftstück, über das offen gesprochen werden darf. Da es verbrannt ist und keine bekannten Kopien mehr existieren, existieren die einzelnen Passagen nur noch in den Köpfen der Sullufalinesen. Es gilt als ehrbares Ziel, einmal alle einundneunzigtausendvierhundertundsechzig Passagen auswendig zu kennen oder sie wenigstens einmal gehört zu haben. Bisher hat das noch niemand geschafft und man munkelt seit langem, daß es auch in Zukunft niemand mehr schaffen wird, da manche Passagen möglicherweise längst aus dem Gedächtnis der Leute verschwunden und für immer vergessen sind. Da aber ständig mit Alumi bezahlt wird und die Passagen ständig rezitiert werden, und das auf der gesamten (wenn auch kleinen) Welt, glauben viele doch noch daran, daß das Alumkadil über die Welt verteilt vollständig existiert.

Wer nun glaubt, man könne sich auf Sullufal alles leisten, wenn man nur ständig ein und dieselbe Geschichte herunterleiert, der irrt gewaltig. Es gilt als Betrugsversuch, wenn man dabei erwischt wird, wie man eine Geschichte in der Zeit, in der die Erinnerung noch nicht verflogen ist, wiederholt zum Besten gibt. Das wird zwar mancherorts als Bagatelle angesehen, da über kurz oder lang jeder seine Geschichten wiederholt, aber die Dichtergarde lässt in solchen Fällen nicht lange mit sich fackeln und spricht schnell Bußerzählungen* (*Der Verurteilte muss seine Erzählung, mit der er erwischt wurde, an einem meist öffentlichen Ort mit allen Anwesenden teilen und es ist ihm verboten, mit dieser Erzählung jemals wieder zu bezahlen) aus, wenn sie jemanden beim Wortklauben erwischt. Und Denunzianten, die sich mit der Dichtergarde gütlich stellen wollen, lauern überall. Aber die persönliche Ehre gebietet es gemeinhin, eine Geschichte so selten wie möglich zu wiederholen.

Handelt es sich um mittelgroße Anschaffungen, die nicht alltäglich sind, wie einen fetten Ochsen, einen schweren Karren oder eine eisenverstrebte Ackerlanze, reicht ein Alumi manchmal nicht aus. Zwar steht es nicht direkt im Gesetz geschrieben, daß man nicht auch mit mehreren Alumi auf einmal bezahlen kann, doch für gewöhnlich lehnen es beide Seiten ab, mehr als ein Alumi für eine Dienstleistung oder Ware zu bezahlen oder in Anspruch zu nehmen. Wenn ein Alumi also nicht ausreicht, um einen Handel abzuschließen, kommt es zu den gängigen Erzählungen, die noch einmal in einfache, sachliche, ernsthafte, komödiantische, spannende und fantastische Erzählungen unterteilt sind. Eine Erzählung ist ein Akt, der eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Für gewöhnlich nimmt der Käufer seine Ware oder Dienstleistung in Empfang und vereinbart mit dem Händler eine Zeit, zu der er die Erzählung weitergibt. Das ist meist der gemütliche Kaminsessel des Käufers, der in den meisten Familien den Wohnmittelpunkt darstellt, wobei der geladene Gast selbstverständlich von der Familie des Käufers bewirtet wird. Wird mit der Erzählung begonnen, sitzt für gewöhnlich die ganze Familie um den Kaminsessel herum und hört gespannt der Erzählung zu, während das Feuer im Kamin knistert und knackt. Eine Erzählung kann einen ganzen Abend in Anspruch nehmen, manchmal auch mehrere Abende. Eine Familienpflicht ist es, die Geschichte des Familienangehörigen, der jemand anderen grade mit einer Erzählung bezahlt, erst nach frühestens einem Umschwenk* (*Die Umrundung des Planeten um Llandt – in llandtanischer Zeitrechnung 811 Tage) weiterzugeben.

Einen ähnlichen Wert wie Erzählungen besitzen Gedichte. Ein Gedicht ist schnell erzählt und daher mehr als eine Erzählung für schnelle Geschäfte geeignet. Großhändler und geschäftstüchtige Einzelhändler greifen gerne auf Gedichte zurück, wenn sie nicht auch schon dem Reiz des Goldes verfallen sind und die alten Tugenden ihrer Welt zunehmend vernachlässigen. Neben den hier erwähnten Währungseinheiten gibt es noch zahllose weitere Floskeln, Witze, Verse, Kurzgeschichten und Legenden, die allesamt einem gewissen Wert entsprechen, den die Sullufalinesen blind kennen. Einigt man sich auf eine Form der Bezahlung und dem Geschäftspartner gefällt nicht, was dieser hört, hat dieser jederzeit das Recht, den Bezahlvorgang zu stoppen. Das kann daran liegen, daß dem Zuhörer die Art und Weise, wie die Geschichte vorgetragen wird, nicht gefällt, oder auch, daß er dieselbe Geschichte bereits vor nicht all zu langer Zeit für einen Handel in Kauf genommen hat und ihm diese Geschichte daher noch frisch in Erinnerung ist.

Wenn schließlich ein uraltes magiegeschmiedetes Artefakt, ein mächtiges viergestirngetriebenes Sternenschiff oder ein kristallener Palast den Besitzer wechseln, kommt dafür nur ein Ukadi als Bezahlung infrage. Die Ukadi sind magische Gedichte, die so schön sind, daß jeder sie hören will. Wer sie aber gehört hat, will sie nie wieder aussprechen, da sie stets nur der in Erinnerung behält, der sie zuletzt gehört hat und der, der sie ausspricht, sie sofort vergisst. Bleibend ist nur das allesverzehrende Gefühl von Sehnsucht. Es ist von zweiunddreißig Ukadi die Rede. Wer ein Ukadi im Gedächtnis trägt, ist von einer knisternden Aura des Hochmuts umgeben und weiß, daß es nichts gibt, was er sich nicht leisten kann. Doch weil das Wertvollste bereits sein Eigentum darstellt, wird er es nur selten für etwas anderes hergeben. Beim Tod des Trägers kehrt das Ukadi wieder ins Gedächtnis des vorherigen Trägers zurück. Es ist daher nicht unüblich, zwar das ein oder andere Geschäft mit einem Ukadi zu tätigen, aber stets oder ziemlich oft mit dem Hintergedanken verbunden, sich des Ukadis früher oder später auf nicht ganz rechtschaffene Weise wieder anzunehmen.