Schöpfung

Es ist leichter, eine Lüge zu glauben, die man schon tausendmal gehört hat, als eine Tatsache, die einem völlig neu ist. Harrapheroth, Prophet

Der Eine

Am Anfang gab es nur den Einen. Ein Schöpferwesen, einzigartig in seiner Natur, geboren aus dem Äther und beselt von reiner Energie. Als sich die Welten tosend aus dem dampfenden Weltenkessel erhoben, war er es, der ihnen ihren Platz am Himmelsrad zuwies. Er war es, der aus dem Urmeer schöpfte und die Oberflächen seiner Welten damit speiste. Als der Fluss der Zeit zu fließen begann und die mächtige Weltensonne das Himmelsrad in Bewegung versetzte, da war er es, der das Himmelsgefüge mit seinem Atem anfüllte und die ewigen Feuer der Arkana entfachte.

Die ersten Geschöpfe in diesem neugeborenen Universum waren die Nara. Der Eine gab einen Teil seiner ätherischen Essenz auf und nährte die ersten seiner Kinder damit, die wie er unsterblich waren und die Macht hatten, seine Welten nach ihrem Belieben zu formen und mitzugestalten. Er hatte ihnen nur einen einzigen Schwur abgenommen: niemals sollten sie Leben schaffen oder Leben zerstören. Die Welten des Einen waren nur solange trostlos und leer, bis die Nara ihre Gabe entdeckten. Wälzten sie sich in den Meeren, blieben kleine Seen zurück, wo das Land vom Wasser überschwemmt wurde und sich in Tälern und Mulden sammelte, wenn es in die Meere zurückfloss. Berge hoben und senkten sich, wenn sie donnernden Schrittes über die Ebenen wanderten. Wo sie die Erde berührten, sprossen Pflanzen und Keimlinge empor. Und irgendwann sang der erste Vogel sein Lied und verzückte die Gemüter der Nara mit seinem zauberhaften Gesang. Sanftmut erfüllte ihr Wesen und brachte ihnen bei, sorgsam mit der immer zahlreicher werdenden Tierwelt umzugehen. Mit kindlichem Gemüt und voller Neugier beobachteten sie das Treiben der Tiere, oft über viele Generationen hinweg. Zeit war ihnen bedeutungslos. Sie waren unsterblich und so taten sie oft nichts anderes, als mit wachen Augen zu beobachten und von der Natur zu lernen.

Doch war einer unter ihnen, der rasch genug hatte vom steten Beobachten. Ihm reichte es nicht, dem Spiel der Tiere nur zuzuschauen. Wo es ging, griff er in ihr natürliches Verhalten ein. Jungtiere, die von ihren Eltern getrennt wurden, fruchtbare Böden, die verödeten, sprudelnde Quellen, die versiegten, und ganze Arten, die daran zugrunde gingen, faszinierten ihn. Er labte sich an der Verzweiflung der gequälten Tiere und mehr noch an den Tieren, die seinen Bemühungen zum Trotz überlebten und aus der Not heraus über die eigene Art herfielen oder Instinkte entwickelten, die sie von den bisherigen Tierarten unterschieden. Die stärksten, zähesten und wildesten dieser Bestien versteckte er tief in verborgenen Hallen unter der Welt, wo der Eine nie von ihrer Existenz erfahren sollte. Er schöpfte heimlich aus der Arkana und speiste seine Kreaturen mit ihrer machterfüllten Essenz. Sie erlangten Fähigkeiten und Gaben und sponnen eigene Gedanken. Und als er noch stolz sein Werk betrachtete, drängten sie schon an die Oberfläche und ließen sich von ihm nicht länger bändigen. Er hatte ihnen die Welt im Verborgenen geschenkt, doch sie gierten nach mehr. Als der Eine sie entdeckte, bebten die Himmelsfesten fürchterlich vor Zorn. Die schändlichen und grausamen Kreaturen, die aus den Tiefen der Welt empor strömten und seine herrliche Schöpfung verdarben, waren ein himmelschreiendes Zeichen des Verrats. Seine Wut schlug in unbändige Trauer um, als ihn die schreckliche Erkenntnis traf, dass ihm nur ein Ausweg bliebe.

Als die Nara seine Trauer bemerkten, fragten sie, was ihm zugestoßen sei und was ihn wohl trösten könne. Er antwortete nicht und verschwand für sehr lange Zeit in die Leere außerhalb des Himmelsgefüges. Kummer und Verwirrung blieben zurück. Da erst entdeckten sie, dass die Bolde sich auf ihren Welten ausbreiteten und wie eine Plage über alles Gute und Schöne herfielen und nichts als Schande zurückließen. Der Schwur war gebrochen und das Vertrauen des Einen zerrüttet. Nun waren sie alleine und sahen sich einem Verrat ausgesetzt, der ihre ganze Wesenheit zutiefst veränderte. Die Nara zogen sich auf verschiedene Welten zurück, fern von ihren Brüdern und Schwestern, wo Argwohn und Misstrauen ständige Begleiter waren. Einer von ihnen hatte diese Niedertracht zu verantworten und verspürte scheinbar kein Verlangen danach, sich dafür zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen. Lieber nahm er in Kauf, dass der Eine sich von ihnen allen abwandte und das womöglich bis in alle Ewigkeit.

Die Verbannung

Misstrauen schlug in Verachtung um und aus Argwohn wurde Hass. Kämpfe entbrannten zwischen den Nara. In ihrer Unsterblichkeit wälzten sie sich in ihrer Zerstörungswut auf den Welten, die ihren Brüdern und Schwestern die liebsten waren und säten so viel Zorn und Leid, wie sie nur konnten. Welten, die vormals mit so viel Liebe bedacht wurden, gingen unter im Feuer aus Hass und Neid. Doch der Eine kehrte zurück. Hinter ihm waren die Pforten in die Leere noch geöffnet, aus der er nun kam, und sein Entschluss war gefallen. Nun sollten sie alle Zeit bekommen, die sie brauchten, wieder zueinander zu finden: in der Verbannung. Die Leere emfping die Nara und das Getöse ihres ewigen Kampfes nahm unweigerlich ein Ende. Ruhe kehrte wieder ein.

Den Kreaturen gegenüber, die der Verräter schuf, hegte der Eine keinen Groll. Er erlaubte ihnen auf den Welten fortzuleben, die den fatalen Verheerungen der Nara unterworfen waren. Die Bolde waren unsterblich, ebenso wie es ihr Meister war, und die tiefe Verehrung für ihren nun in der Verbannung lebenden Gebieter war unauslöschlich.

Als der Eine nach einer Phase der Trauer das zweite Geschlecht erschuf und die schönsten seiner Welten für seine jüngsten Kinder erwählte, zog dies den Groll des Dienergeschlechts auf sich. Während es auf trostlosen und fernab gelegenen, kahlen und finsteren Welten sein kümmerliches Dasein fristete, lebten die Menschen auf fruchtbaren und vom Licht der Urtane hell erleuchteten und warmen Welten. Die Bolde, wie sie genannt wurden, fanden jedoch einen Weg, ihren verderbten Meister durch einen Riss im Himmelsgefüge zurückzuholen, vom Einen, der sich ganz seiner jüngsten Schöpfung widmete, unbemerkt. Der Verräter sponn einen Fluch, den er in den Fluss der Zeit einflocht, und legte die Fäden so, daß das Schicksal der Menschen unweigerlich in den Klauen seiner Diener lag. Bevor der Eine noch Verdacht schöpfen konnte, floh der Verräter wieder in die Leere zurück und tat nur noch eines: er wartete. Denn die Stunde seiner Rückkehr würde kommen, dafür hatte er gesorgt.

Die Bolde geboten über Mächte, die den Menschen nicht wohlgesonnen waren, und der Eine wusste das. Er erschuf deshalb das Urkor, das himmlische Eismeer, dass wie ein Dunstschleier zwischen den Welten lag und die neidvollen Blicke der Bolde von den wunderschönen Welten der Menschen fernhalten sollte. Doch es war bereits zu spät, das Unheil war in der Welt. Der Fluch zeigte Wirkung. Fortan wurden die Menschen im Schlaf, und nicht nur dann, von finsteren Gedanken und Vorstellungen geplagt, die ihre Sinne und ihr ganzes Denken beeinflussten. Unsägliche Triebe fraßen sich wie fauliger Gestank durch die Seelen der Menschen und trübten diese von innen heraus. Gier und Neid erwachten und ließen Besitzdenken und Raffgier entstehen. Ihr Handeln wurde mehr und mehr von Selbstsucht bestimmt und wer den Einflüsterungen der Unholde am wenigsten widerstehen konnte, sah sich seiner aufkeimenden Rach- und Herrschsucht ausgesetzt. Die Bolde spielten mit der Macht, die sie über die Menschen hatten, und übten ihren Einfluss selbst noch auf die Seelen der Toten aus.

Als der Eine erkannte, daß die Menschheit nicht nach seinen Plänen handelte und sich scheußlichen Umtrieben hingab, fühlte er sich von Neuem betrogen. Er sah nicht, daß seine Kinder nur verführt worden waren und der Verräter abermals für diese Schande verantwortlich war, er sah nur, was der Verräter ihn sehen lassen wollte. Sein Zorn ging einher mit Trauer und der quälenden Frage, wieso seine liebsten Kinder ihn hintergangen hatten. Er, der schon einmal seine Kinder in die Verbannung geschickt hatte, sah jedoch diesmal davon ab und erlegte ihnen nur eine einzige Bürde auf: sie durften niemanden als sich selbst jemals als die höchsten Wesen begreifen und sollten ihn für alle Zeit vergessen. Er gestattete nicht, daß die Menschen jemals wieder Verehrung für ein göttliches Wesen aufbrachten, daß tatsächlich göttlichen Ursprungs war oder nur zu sein vorgab. Sie sollten sich und alles, was sie umgab, als etwas begreifen, daß schon immer da war und dessen Schöpfung keiner höheren Macht bedurft hatte.

Das Ende

Der Eine wandte sich von den Menschen ab und gab sich seiner dritten und letzten Schöpfung hin, blind für die Belange und Nöte der Menschen, die plötzlich allein und verletzbar waren und niemanden mehr hatten, der ihnen Beistand gewährte. Dies war die Stunde, da der Verräter zurückkehrte. Als sich das Gefüge auftat und der Verräter hindurchschlüpfte, blieb sein Tun jedoch nicht unbemerkt. Llordengardt, der Schattenwächter, der ein Nara wie der Verräter war, folgte diesem durch den kosmischen Riss und warf ein Netz über das Himmelsgefüge, daß die Machenschaften des Verräters vor dem Angesicht des Einen offenbaren sollte. Llordengardt verspürte keinen Groll gegen die Menschen und sein Hass gegen den Verräter, der sich durch sein Eindringen ins Himmelsgefüge als solcher zu erkennen gab, war unvorstellbar, hatte er doch die Verbannung seines ganzen Geschlechts zu verantworten. Das Netz jedoch verfehlte sein Ziel und grub sich stattdessen tief in das Gewebe der Existenz ein, wo es tiefe Furchen zog und so das Gefüge des Schattens entstehen ließ.

Der Eine, der das sah, verfluchte Llordengardt, den er für den Verräter höchstselbst hielt, und bürdete ihm die schreckliche Strafe auf, für immer an die Schattenebene gebunden zu sein. Llordengardt hatte bewiesen, daß er der Verbannung trotzen konnte, und so verschwand er für alle Zeiten im Zwielicht der Finsternis und ließ nur seine unsterbliche Hülle im Himmelsgefüge zurück.

Der Verräter lachte nur über das Missgeschick seines Bruders und kam in menschlicher Gestalt herab auf eine Welt, die reich an sterblichen Seelen war. Er gab sich als Weiser aus, der das Gefüge des Schattens studierte, dass seit jüngster Zeit den Anklang von Wissenschaft und Forschung fand, und zog Erkenntnisse heran, die ihm rasch Anerkennung bescherten. Seine Anhänger hingen an seinen Lippen, wenn er ihnen die Eigenheiten und Makel des Schattengewebes näherbrachte und sie in dem Wissen unterwies, wie man es manipulieren könne. Sein eifrigster Schüler war ein mächtiger Fürst, der viele Welten beherrschte, und dieser führte die Studien weiter, die sein Lehrmeister ihm auftrug. Schließlich erlangte dieser Schüler das vollständige Wissen über das Gefüge des Schattens und damit einhergehend eine unvorstellbare Macht, wie kein Sterblicher sie zuvor erlangt hatte. Der Eine spürte die Schwingungen im Machtgefüge und besann sich wieder seiner Pflichten gegenüber seinen Kindern, die er noch immer liebte. Der Verräter wusste, daß die Zeit der Rache nah war. Er unterrichtete seinen Schüler über das mögliche Auftreten einer Ausgeburt des Schattens, die von den Strömen seiner Macht genährt wurde und alles Lebende zu verschlingen drohte. Er durfte unter keinen Umständen den heuchlerischen Worten lauschen, die die Bestie ausspie. Präventivmaßnahmen wurden getroffen und als der Eine schließlich erschien, erkannte dieser den neuerlichen Verrat seiner Kinder erst, als die finsteren Wogen des Schattens schon über ihn hinwegbrandeten und sich seine göttliche Essenz für alle Ewigkeiten im Äther verflüchtigte. Mit seinem Niedergang begann eine Ära des beispiellosen Schreckens.

Die Nara kehrten aus der Verbannung zurück und das Land der Menschen fiel den Verheerungen des aus den Fugen geratenen Schattengefüges zum Opfer. Der Verräter nahm wieder seine wahre Gestalt an und pflanzte Furcht und Abscheu in die Herzen der Menschen. Seine fünfzehn Geschwister, die aus der Leere zurückkehrten, verurteilten ihn für seine unsägliche Tat, doch waren sie seinetwegen der Verbannung entkommen. Sie teilten sich auf und jeder ging seinen eigenen lohnenswerten Interessen im Himmelsgefüge nach. Doch hatten sie sehr schnell gemerkt, dass die Zeit außerhalb der Leere ihnen ihre Essenz raubte und diese nur durch langen Schlaf zurückzugewinnen war. Also legten sich die Nara zur Ruhe, wie sie es schon vor ungezählten Zeitaltern taten, und schlafen seither.

In der Sprache der Menschen hatten die Nara viele Namen: Dahraeni, die aus der Verbannung zurückgekehrten, die Schläfer oder die geflügelten Fürsten. Heute kennt man sie auch unter ihrem altmaurarchischen Namen: Drachen.

Eine altmaurarchische Prophezeiung, die im Zusammenhang mit der Rückkehr der Nara steht, besagt, daß ‚Einer von Siebzehn’ Schrecken bereiten wird. Doch diese Prophezeiung ist irreführend. Es sind nur sechzehn Nara, die im Himmelsgefüge existieren. Der siebzehnte schließlich vegetiert nur noch als Schatten seiner Selbst in einer unergründlichen Zwischenebene vor sich dahin. Ist diese Prophezeiung also nur ein Hinweis auf die Rückkehr des Schattenwächters oder ist sie gar falsch und besagt schlicht etwas anderes? Der Eine schuf nicht nur Nara und Menschen. Seine letzte Schöpfung, die jüngst erwachte und den Blicken der Sterblichen durch das Urkor verborgen blieb, sehnt sich nach den Umarmungen ihres Schöpfers. Doch dieser ist tot und die schwachen Seelen der Menschen waren es, die ihm seine Vernichtung beibrachten und den Verlockungen des Verräters erlagen. Verstreut über siebzehn Welten verborgen vor allen Blicken der Menschen wuchert der Hass des dritten Geschlechts gegen jene, die den Tod ihres geliebten Schöpfers zu verantworten haben. Und dieser Hass wuchert heute tiefer und schmerzhafter denn je.